Die Beratungsfunktion des Kataloges
29. Januar 2010 von Anne Christensen
In der Süddeutschen Zeitung vom 28.1. 2010 berichtet die schweizerische Journalistin Désirée Waibel unter dem Titel “Wir Kinder von Bologna” sehr lesenswert über ihre Studienerfahrungen. Aus bibliothekarischer Sicht hellhörig macht folgender Satz:
Im Sturm der Digitalisierung von wissenschaftlichen Texten und deren leichterer Zugänglichkeit ist die Führungskraft der Lehrenden vor allem in den ersten Semestern unabdingbar.
Die Praxis an der Auskunftstheke bestätigt das offenkundige Bedürfnis von Studierenden, aus der Fülle von gedruckter und elektronischer Literatur eine “gute Einführung” oder eine “allgemeine Darstellung” herauszupicken. Das gelingt auch mit fachlicher Hilfe nur selten – zu oft fehlen in der Erschließung einschlägige Formschlagwörter oder überhaupt die Möglichkeit, Werke mit übergreifendem, einführenden oder besonders renommierten Charakter zu kennzeichnen. In Ermangelung solcher Hilfestellung selektieren Studierende Literatur häufig nach dem Naheliegenden: Der Verfügbarkeit. Dass nur die wenigsten Kataloge es erlauben, auf aktuell verfügbare oder elektronische Texte einzuschränken, sei hier nur am Rande bemerkt.
Désirée Waibel sieht die ProfessorInnen in der Pflicht, Orientierungshilfe bei der Literaturauswahl zu geben. Aus den Fokusgruppen von beluga kennen wir Vorbehalte von Studierenden und Lehrenden dazu: Zu wenig up-to-date seien die ProfessorInnen, wird befürchtet, die wiederum ihrerseits den Aufwand für die Erstellung von Literaturlisten scheuen und auf den bisweilen privaten Charakter dieser Listen verweisen. Diesen sicherlich gerechtfertigten Bedenken zum Trotz: Die Idee des – durchaus auch ungefragten – systematischen Harvestings von Literaturlisten auf Webseiten von Lehrenden und aus Lernmanagementsystemen und deren Bereitstellung als öffentliche Liste auf beluga ist noch nicht vom Tisch. Der Katalog kann helfen bei der Orientierung im Sturm, indem er empfiehlt, was ausgewiesene ExpertInnen für gut befunden haben. Und warum sollten nicht auch die FachreferentInnen ein bisschen von der Führungskraft für sich beanspruchen, wenn es darum geht, Literaturempfehlungen zu geben? Ihr Wissen über die Literaturproduktion ihres Faches, über Kernverlage und -Zeitschriften sollte im Katalog sichtbar sein, wie auch Philipp Mayr in seinem ebenfalls lesenswerten Aufsatz mit dem Titel “Bradfordizing mit Katalogdaten” (BuB 62 (2010) 1, S. 61-63, Preprint hier) schreibt.
Ein interessantes Beispiel für einen Katalog mit Beratungsfunktion kommt aus Österreich: An der Medizinischen Universität Wien wird seit Kurzem ein spezieller Lehrbuch-Katalog bereitgestellt, in dem die einzelnen Titel ausführlich präsentiert werden. Dazu macht der Van Swieten Katalog 2.0 auch noch passende Lehrmaterialien wie Skripte, E-Books und mehr zugänglich. Die technische Basis des neuen Angebots ist übrigens Scriblio, ein Katalog auf Basis der Blog-Software WordPress.
Wer der Zuschreibung von Beratungsaufgaben an den Katalog skeptisch gegenüber steht, möge einen Blick auf den Q&A-Service bei Unshelved werfen: Die Vielzahl von Fragen nach “den besten Büchern zum Thema XY” oder “SF-Romanen mit kindlichen Helden” belegen, dass von Bibliotheken und ihren Katalogen mehr erwartet wird als die bisherigen bibliografischen Metadaten. Klar: Wir haben Auskunftstheken, an denen diese Fragen beantwortet werden. Wir haben aber auch noch viel mehr aussagekräftige Informationen zu unserer Literatur und deren Qualität und Verwendbarkeit in Reichweite. Die professoralen Listen und bibliometrischen Informationen über Kernverlage und -Zeitschriften zum Beispiel, aber auch die Ausleihinformationen, wie das britische Projekt MOSAIC zu beweisen versucht.
Tags:andere projekte, beluga, theorie

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